Störtebeker wandt sich seinen Männern zu: ” Holt fünfzig leere Heringstonnen herbei und steckt in jede einen unserer Gäste! In den Deckel sägt ihr ein Loch, groß genug, daß gerade der Kopf herausschauen kann!” Da ergriffen die Seeräuber die fünfzig Gefangenen und steckten jeden in ein Faß, so daß nur noch der Kopf herausragte. Sie stellten die Fässer in Reih und Glied an Deck auf. Dann nahmen sie Federn und Fasern, rupften sich Büschel aus ihrem Wams, kitzelten die armen Kerle unter der Nase und hinter den Ohren und gossen ihnen Wasser über den Kopf.
Mit dieser seltsamen Fracht fuhr Störtebeker nach Stralsund und stellte sie bei Nacht und Nebel au die Ufermauer. “Hütet euch”, rief er den Gefangenen zu, ” den Mund aufzumachen! Wer auch nur einen Laut von sich gibt, dessen Kopf rollt von der Tonne in den Sand!” Dann ließ er Segel setzen udn fuhr lautlos aus dem Hafen.

Später wurde den Seeräubern die Jagd in der Ostsee zu gefährlich. Da segelten sie in die Nordsee. In Friesland gewannen sie die Häuptlinge zu ihren Freunden. In ihren Häfen fanden die Räuber eine Zuflucht, wenn die Hamburger oder Bremer hinter ihnen her waren. Dafür bekamen die Häuptlinge einen Teil der Beute: kostbare Seide, riesige Ballen Tuch, schwere goldene Ketten, Bier und Wein.

Am liebsten war Störtebeker bei dem Broekmerlänger Häuptling Keno. Der erlaubte ihm, die Kirche mit dem mächtigen Turm zu einer Burg auszubauen. Dei Seeräuber fuhren  mit ihren Schiffen von der Leybucht durch das Tief bis vor die Kirche und machten sie an den schweren eisernen Ringen fest, die in den Turm eingelassen waren. Bei Nacht zündete man oben im Turm ein Licht an, das den Seeräubern den Weg über die gefährliche flache Leybucht zeigte.

Die Turmkammer, in der Störtebeker mit seinen Leuten zechte und schmauste, heißt noch heute die Störtebekerkammer.

 

Aus dem Buch: Ostfriesiches Lesebuch (1966)

Klaus Störtebeker II
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